Interview mit der Pflegedienstleitung

46 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter gelernte Altenpfleger, Krankenschwestern, Pflegehilfskräfte, Alltagsbegleiter, Sozialpädagogen, Küchen- und Reinigungshilfen sind für die Bewohnerinnen und Bewohner an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr da.

Die Frühschicht beginnt morgens um 6:30 Uhr und endet um 14:00 Uhr; die Spätschicht dauert von 13.30 Uhr bis 21.00 Uhr; und der Nachtdienst nimmt seinen Dienst um 20.30 Uhr auf, bis ihn am nächsten Morgen der Frühdienst wieder ablöst.

Beginn und Ende der Schichten überschneiden sich jeweils um 30 Minuten. Das ist die Zeit, in der wichtige Informationen über Bewohnerinnen und Bewohner und deren aktuelle Situation an die nächste Schicht weitergegeben werden.

Interview mit dem Pflegeleitungsteam

Ute Warschun ist die Pflegedienstleiterin (PDL) und seit über 23 Jahren im Haus; ihre Stellvertreterin Brigitte Schüttkemper ist seit fast 21 Jahren bei uns.

Frau Schüttkemper, was machen Sie morgens zuerst, wenn Sie Ihre Arbeit aufnehmen?
Schüttkemper: Als erstes teilen wir morgens die einzelnen Bewohner den Mitarbeitern vor Ort zu. Da unser Pflegekonzept die sogenannte Bezugspflege vorsieht, wird in den einzelnen Schichten möglichst derselbe Bewohner von derselben Pflegekraft gepflegt. Dadurch ist man sich gegenseitig vertrauter und wir Mitarbeiter können so schon kleinste Veränderungen bei unseren Bewohnern wahrnehmen. Uns ist es wichtig, dass die Bewohner so versorgt werden, wie sie es wünschen. Das bedeutet auch, dass einer schon um 7.00 Uhr aufstehen kann, der andere dagegen erst um 9.00 Uhr; alles ist möglich.

Wie nehmen die Bewohner z. B. das Frühstück ein? Was machen sie dabei noch selbst?
Schüttkemper: Viele Bewohner frühstücken im Speisesaal, einige aber auch aus gesundheitlichen Gründen in ihrem Zimmer oder im Bett. Egal, wo und wie das Frühstück eingenommen wird, die Selbstbestimmung des Einzelnen zu wahren, das ist unser oberstes Ziel. Wir geben Hilfestellungen, wo es nötig ist oder gewünscht wird und wir fördern bzw. erhalten Resourcen, wo sie vorhanden sind. Das geht dann in der Regel über das motivierende Gespräch.

Wie sieht der Tag nach dem Frühstück aus?
Warschun: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die zum Treffen und zur Kommunikation untereinander einladen. Wir bieten vielfältige Aktivitäten an, die auch hier an die Fähigkeiten und Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner anknüpfen.

Was heißt das genau?
Warschun: Die Betreuung findet zum einen in der Gruppe statt, wo entweder leichte Gedächtnisübungen, gemeinsames Singen oder Bewegungsübungen angeboten werden. Auf Wunsch vieler Bewohner findet auch täglich eine Zeitungsrunde statt. Dabei wird mit den Bewohnern gemeinsam die Zeit gestaltet und nicht für sie. Das ist ein elementarer Unterschied. Zum anderen begleiten wir aber auch Bewohner bei Spaziergängen, entweder alleine oder in kleinen Gruppen, unterstützen bei ganz alltäglichen Dingen. Wichtig ist, dass jeder Bewohner die Aufmerksamkeit bekommt, die er benötigt. Da viele unserer Bewohner kein Zeitgefühl mehr haben, können sie ihre Tagesstruktur nicht mehr steuern. Diese Aufgabe übernehmen wir für sie. Die Mahlzeiten bieten dafür einen guten Rahmen und die Zeit dazwischen kann, je nach Wunsch und Befindlichkeit, mit verschiedenen Aktivitäten gefüllt werden.

Wie setzen Sie das um?
Warschun: Wir haben zwei Vollzeitkräfte, die beide ausschließlich in der Betreuung tätig sind; zertifiziert nach § 87 b. Seit 2015 haben alle Menschen, die vollstationär leben, Anspruch auf zusätzliche Betreuung. Christian Vörding, unser Betreuungsassistent z. B. ist ganz glücklich darüber und betont, dass er nie wieder etwas anders machen möchte. Es füllt ihn sehr aus, jeden Tag aufs Neue die Wünsche und Bedürfnisse unserer Bewohner zu erfüllen. Es darf hier aber nicht vergessen werden, dass die Mitarbeiter der Pflege ebenso stark in die Betreuung involviert sind, vor allen Dingen bei der individuellen Zuwendung. Ergänzend haben wir aber auch Ehrenamtliche, die Zeit mit unseren Bewohnern verbringen, und vereinzelt auch Bewohner aus dem Stiftsbereich. Eine Dame z. B. bietet regelmäßiges Vorlesen an, „um auch etwas zu geben“, wie sie sagt. Und dann kommen noch die Clowns Lucy und Conrad zu uns: Ihre Zuwendung und das gemeinsame Lachen sind wirkliche Höhepunkte. Denn, das Leben hört nicht auf komisch zu sein, auch wenn man pflegebedürftig ist.

Zeichnen diese Angebote in Ihren Augen „gute“ Betreuung und Pflege aus?
Warschun: Ja, auf jeden Fall. Es geht hier aber nicht nur um die Angebote an sich, sondern vor allem darum, wie sie ausgeführt werden. Darum, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit mit Liebe, Empathie, Zeit, Geduld und Menschlichkeit tun. Pflege und Betreuung sind ein Beruf, zu dem man das Herz braucht. In der Pflege geht es um das Wichtigste überhaupt, um die Lebensqualität der Menschen. Hier ist jede persönliche Begegnung bedeutsam. Eine gute fachliche Ausbildung ist das Handwerkszeug, wie es umgesetzt wird entscheidet jeder selbst.

Was zeichnet gute Pflege und Betreuung noch aus?
Schüttkemper: Neben diesem achtsamen und fürsorglichen Umgang mit den Menschen, die uns anvertraut sind, ist es vor allen Dingen der ganzheitliche Ansatz, der unsere Arbeit prägt. Darunter verstehen wir, dass neben der Körperpflege und der Ernährung auch die seelischen, die sozialen und psychologischen Komponenten das Wohlbefinden des Einzelnen bestimmen und diese selbstverständlich mit berücksichtigt werden müssen.

Vielen Bewohnern ist natürlich bewusst, dass sie im letzten Stadium ihres Lebens zu uns kommen. Da ist es wichtig, diese Situation auch zu berücksichtigen. Der ganzheitliche Ansatz bestimmt unseren Umgang mit den Bewohnern, aber auch mit den Angehörigen, die häufig ebenso viel Zuwendung benötigen, wie der Bewohner selbst. Für mich persönlich
bedeutet es aber auch, mich zu hinterfragen, wie ich selber mit Alter und Krankheit umgehe. Wie wichtig sind auch für mich letztendlich die Kleinigkeiten im Leben.

Wie halten Ihre Mitarbeiter bei so viel Nähe die nötige Distanz?
Warschun: Die Nähe zu unseren Bewohnern kann sehr intensiv sein, und da ist es wichtig, eine professionelle Distanz zu wahren. Der kollegiale Austausch, die gemeinsamen Gesprächen darüber, sind bei uns an der Tagesordnung. Es ist jeden Tag aufs Neue wichtig, die Grenze zu ziehen zwischen Arbeit und Freizeit. Nicht immer gelingt die professionelle Distanz, z. B. wenn ein Bewohner verstirbt. Es sind ja zum Teil jahrelange Kontakte, die sich entwickelt haben. Da ist es wichtig, einen Rahmen zu schaffen, um den Austausch untereinander pflegen und sicher stellen zu können.

Schüttkemper: Für mich ist hierbei auch die Dienstkleidung ein wichtiges Signal. In dem Moment, in dem ich meinen Kittel anziehe, werde ich „Schwester Brigitte“. Und nach der Arbeit lasse ich mit meinem Kittel „Schwester Brigitte“ im Tibus zurück und werde Brigitte, die Privatperson. Das ist sehr wichtig für mich und hilft mir. Außerdem ist es gut, dass es die unterschiedlichsten Hilfsmittel gibt, wie Handschuhe, Desinfektionsmittel, Schutzkleidung etc., die wir in der Pflege einsetzen.

Was muss eine gute Pflegekraft mitbringen?
Warschun: Das Gespür für sein Gegenüber, das muss man in Ergänzung zur medizinisch-fachlichen Kompetenz, die die Basis für gute Pflege ist, mitbringen. Dieses lässt sich allerdings nur schwer erlernen. Wer pflegt, sollte die Welt aus dem Blickwinkel des zu Pflegenden sehen; das müssen wir uns im Alltag immer wieder bewusst machen. Überhaupt, die Fähigkeit seine eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren bzw. reflektieren zu wollen, die muss schon stark ausgeprägt sein.

Schüttkemper: Wir sind Vermittler, Zuhörer, Alltagshelfer, wir sind irgendwie ganz viel auf einmal. Bei all unseren Aufgaben kommt es meiner Meinung nach darauf an, seinen gesunden Menschenverstand einzusetzen, weil das die Grundvoraussetzung für eine gelungene Kommunikation ist. Dann ist aber auch die eigene Arbeitsorganisation von Bedeutung. Ich kann mir Freiräume schaffen, indem ich immer neu schaue, wie ich die vorhandene Zeit effektiv nutzen kann. Mehr ist nicht möglich. Im subjektiven Empfinden des Einzelnen ist sowieso nicht genug Zeit für ihn persönlich da. Das klassische Helfersyndrom hilft da wenig; es gilt das Bestmögliche in der vorhandenen Zeit zu tun – und das ohne schlechtes Gewissen.
Als Fachkraft habe ich auch viel mit administrativen Arbeiten zu tun. Wir müssen jeden Vorgang akribisch dokumentieren und Kontakte zu Ärzten, Therapeuten etc. halten.

Was gibt Ihnen die Kraft für Ihre Arbeit?
Schüttkemper: Zu spüren, wir werden gebraucht! Es gibt Momente zwischen den Routinearbeiten, die uns aufblühen lassen – nicht nur die Pflegenden, sondern auch die Pflegebedürftigen. Es ist wichtig, dass es auch uns Mitarbeitern gut geht, denn nur wer gut für sich sorgt, kann andere gut pflegen. Und, ein gutes Team macht viele Strapazen wett! Die Stimmung wird von jedem Einzelnen und vom Miteinander geprägt. Letztendlich aber kann sich jeder nur selbst motivieren…

Das Thema Fachkräftemangel kann an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Wie sieht es damit in der Residenz aus?
Warschun: Natürlich haben auch wir mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Glauben Sie mir, ein Großteil meiner Arbeit als Pflegedienstleitung besteht inzwischen darin, die Dienstpläne immer wieder entsprechend umzuschreiben bzw. zu aktualisieren. Wir haben gesetzliche Vorgaben, was den Fachkräfteanteil pro Schicht angeht, d.h. eine Krankmeldung von einer Fachkraft kann den kompletten Dienstplan auf den Kopf stellen. Wichtig ist hier, dass unser Teamgeist, der durch kontinuierliche und enge Auseinandersetzungen miteinander geprägt wird, gut und stabil ist. Hier ist meine Rolle als Vermittlerin, Unterstützerin und Beraterin wichtig.

Danke für die zum Teil sehr persönlichen Einblicke, die uns gewährt wurden.

Ihre

Ulrike Wünnemann

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