Freda von Kummer – Europareise

In der Reihe Gelebte Geschichte stellen wir interessante Personen aus Münster vor.

Freda von Kummer – Eine Europareise: London, Paris, Brüssel,

Für Sprachen hat sie sich schon immer interessiert. Sprachen haben sie fasziniert. Dafür ist Freda von Kummer ins Ausland gegangen.Senioren Muenster 2016

Zuerst nach England. Als Au-Pair-Mädchen. Da war sie 22 Jahre alt. In London blieb sie eineinhalb Jahre, hat fließend Englisch sprechen gelernt und nebenher die „Cambridge Certificate“ Sprachprüfung abgelegt. Direkt im Anschluss ist sie nach Paris gegangen, um dort – ebenfalls als Au-Pair – in einem Vorort im Westen der Stadt, in „Vaucraisson“, zu arbeiten und ihre Kenntnisse in der französischen Sprache zu verbessern. Dort war sie in einer Familie mit vier Jungen beschäftigt, ging nebenbei in die „Alliance francaise“, eine französische Sprachenschule, und wurde immer selbstbewusster.

Bewerbung bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)

Ausgestattet mit fundierten Sprachkenntnissen und neuen Lebenserfahrungen bewarb sich Freda von Kummer anschließend, es war das Jahr 1960, bei der damaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) als dreisprachige Sekretärin und bekam sofort Arbeit bei der „Generaldirektion Verkehr“. Englisch und Französisch saßen ihr im Blut. Deutsch sowieso. Aber ihr erster Chef in Brüssel war Italiener. Also hat sie ihre Mittagspausen dafür genutzt Italienisch-Kurse zu besuchen. Schließlich wollte sie ihn besser verstehen. Das ist ihr gelungen. 17 Jahre haben die beiden zusammengearbeitet. 1977 wurde sie befördert und wechselte zur „Generaldirektion Fischerei“. Sie war nun ganz oben auf der Hierarchieleiter der Sekretärinnen angelangt. Die Abteilung war zuständig für die Ausgabe von Fischereilizenzen. Enge Kontakte mit afrikanischen Küstenländern und auch nordischen Ländern wurden aufgebaut. Es waren sehr interessante Leute, mit denen sie zu tun hatte.

Freda von Kummer ist Anfang der 60iger Jahre nach Brüssel gekommen

Der Krieg war in den Köpfen der Menschen noch präsent. Die Wunden relativ frisch. Den Deutschen gegenüber war man sehr zurückhaltend. So kam es, dass sie sich nicht immer als Deutsche ausgegeben hat, sondern häufig auch als EWG-Beamtin. Manchmal war das einfacher.

Freda von Kummer war stolz darauf für Europa zu arbeiten

„Ich habe den Aufbau Europas miterlebt und ich habe persönlich mit daran gearbeitet. Die EWG wurde 1957 in Rom (Römische Verträge) gegründet. Mitte 1958 nahm sie ihre Funktion in Brüssel als vorläufigen Sitz auf. Ihr erster Präsident wurde der deutsche Professor Walter Hallstein. Schon 1,5 Jahre später war ich mit dabei, habe die ganze Entwicklung mitbekommen. Für mich war die Vorstellung faszinierend, dass die Länder, die noch vor 15 Jahren Krieg miteinander geführt haben, sich immer mehr annäherten. Man musste zumindest innerhalb von West-Europa keine Angst mehr vor einem Krieg haben. Durch das Zusammenarbeiten von Menschen so vieler unterschiedlicher Nationen, durch das Miteinander, überwanden wir Grenzen. Wir lernten, die Eigenarten der anderen Mitgliedsländer kennen und zu akzeptieren“, fasst Freda von Kummer zusammen.

Der Beginn der EWG

Die EWG, der Zusammenschluss europäischer Staaten zur Förderung einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik, setzte sich anfangs aus sechs Mitgliedsländern zusammen. Das waren Frankreich, Belgien, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland. Innerhalb dieser Länder sollten nun ohne große Probleme Waren verkauft und gekauft werden können. So wollten sie für Frieden und Sicherheit in Europa sorgen. Nach dem Beitritt weiterer Mitgliedsländer Europas wuchs die „EWG“ zur „EG“ (Europäische Gemeinschaft) und später, angesichts ihrer stets erweiterten Aufgaben, wurde sie zur EU umbenannt. In der EU möchte man erreichen, dass die Länder politisch enger zusammenwachsen. Das bedeutet z.B. dass sie gemeinsam Gesetze festlegen, die in allen Ländern der EU gleich sind. Mitglied in der EU sind nur die Länder, die eine Demokratie haben und Menschenrechte beachten. Heute zählt die EU 27 Mitgliedsstaaten. Damals war alles noch überschaubar. Man kannte einander. Anfang der 60iger Jahre gab es ca. 1800 Mitarbeiter, als Freda von Kummer im Jahr 2008 Brüssel verließ, waren es ca. 15000.

1960 gab es viele freie Wohnungen in Brüssel. Aufgrund dieses großen Wohnungsangebotes und durch die zentrale Lage Belgiens hat sich die EWG für Brüssel als Standort entschieden. In anderen Städten hätte man nicht so leicht so vielen Menschen Wohnungen bieten können. Die Belgier waren früher Kolonialmacht im Kongo. Als sie 1960 das Land verlassen mussten, haben sie viel Geld mitgebracht, sich davon neue Häuser gebaut und ihre alten Häuser vermietet.

Internationale Kontakte einer Europäerin

Anfangs war es schwer für Freda von Kummer Kontakt zu den Belgiern aufzubauen. “Ich musste bei Null anfangen. Ich kannte niemanden. Also habe ich nach einem Weg gesucht, um Leute kennen zu lernen und habe das Reiten wieder begonnen. Das war mir von Zuhause her vertraut; mein Vater war Gestütsleiter in Schlesien.“ Freda von Kummer war Mitbegründerin eines europäischen Reitclubs. Den gibt es heute noch. Die EWG hat solche Einrichtungen sehr unterstützt – wie überhaupt viele Freizeitbeschäftigungen. Ihren Mitarbeitern sollte es gut gehen. Sie sollten, fernab der Heimat, sich kennen lernen und zusammenwachsen und den Aufbau Europas dadurch fördern. So wollte man die Leute im Land halten. „Durch das Reiten habe ich viele internationale Kontakte bekommen, auch zu den Belgiern. Das war mir wichtig. Schließlich lebte ich in ihrem Land. Als Ausländer besteht immer die Gefahr, sich hauptsächlich mit eigenen Landsleuten statt mit dem Volk des Gastlandes zusammen zu tun“. Jahrelang war sie im Reitclub als Organisatorin tätig und teilte die angehenden Reiter in verschiedene Kurse ein. Das war spannend. Allein durch die unterschiedlichen Selbsteinschätzungen Einzelner im Vorfeld, hat sie die Eigenarten verschiedener Nationalitäten erkannt. Die selbstbewussten Italiener z.B. konnten angeblich immer reiten. Für sie kamen nur die fortgeschrittenen Kurse in Frage. Die Deutschen haben meist sehr konkrete Angaben zu ihren Reitkenntnissen gemacht; sie waren sehr ehrlich. Und die Franzosen nahmen das auch nicht so genau. Der Präsident des Reitclubs war Franzose. Durch seine Verbindungen war es ihr möglich in Frankreich bei Hetzjagden mit zu reiten. „Das waren großartige Erlebnisse“. Als sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reiten konnte, wurde sie engagiertes Mitglied des Chores der Europäischen Gemeinschaften und hat unter den Sängern eine neue „Familie“ gefunden. Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung war der Fremdsprachensekretärin immer wichtig. Das brauchte sie als Ausgleich zu ihrer anstrengenden Arbeit im Büro.

Zurück in Deutschland

Seit acht Jahren lebt Freda von Kummer wieder in Deutschland. Wehmütig denkt sie an ihre Zeit in Brüssel zurück. „Ich habe 35 Jahre gerne bei der EU gearbeitet. Es war anstrengend, aber es hat viel Freude gemacht. Ein Anruf auf Englisch, eine Besprechung auf französisch, ein Brief auf Deutsch, eine Anfrage meines Chefs auf italienisch, seine Dienstreisen in aller Herren Länder bis ins letzte Detail organisieren …. Es war so vielseitig! Und es ist genau das, was mir heute so fehlt. Immer nur deutsch zu sprechen, empfinde ich als sehr einseitig. Das Internationale Flair vermisse ich sehr. Ich bin eben nicht mehr nur Deutsche sondern eine echte Europäerin.“

Mit 74 Jahren ist sie nach Deutschland zurückgezogen, um im Alter in der Nähe der Familie zu sein. Das ist ihr wichtig. Aber – Brüssel und ihre europäischen Freunde – die fehlen ihr sehr.

Ihre

Ulrike Wünnemann

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