Das einzige „location Theater“ der Stadt

Freuynde und Gaesdte
Hinter diesen drei Wörtern versteckt sich eine freie Theatergruppe in Münster.Ungewöhnlich an ihr ist nicht nur die Schreibweise des Namens, sondern auch die Schauplätze der Inszenierungen. Bei dem Namen handelt es sich um ein Kunstwort. Er wurde ganz bewusst gewählt, sollte stutzig und neugierig machen und im Gedächtnis bleiben. Das ist gelungen. Ungewöhnlich sind auch die Schauplätze, an denen die Inszenierungen stattfinden. Sie weisen eine bestimmte Atmosphäre auf, die zum Stoff des Stückes passt, finden aber nicht in einem konventionellen, festen Theater statt. Es gibt keine Trennung von Künstlern und Besuchern. Diese Art der Inszenierung verlangt den Schauspielern mehr an Konzentration als in einem festen Theater ab. Neben der Beherrschung des Textes müssen sie sich immer wieder neu mit den Räumen auseinandersetzen, in denen ein Stück aufgeführt werden soll. Es kann keine Routine entstehen. Stoff und Raum werden immer wieder neu erarbeitet.

Herz und Kopf des Theaters
„Hausautor“ der Theatergruppe ist der Schriftsteller, Video-Filmer und Schauspieler Zeha Schröder. In den 1990iger Jahren studierte er auch in Münster. Die Idee zu einem Theater im freien Raum entstand nach der ersten Aufführung der Theatergruppe 1999 im Pumpenhaus. Zeha Schröder inszenierte „Der Seefahrer“ von Pessoa. Alle Beteiligten waren der Ansicht, dass ein einengender Raum für dieses Werk nicht passend war. Es gelang, mit Hilfe des Bootsverleihs Overschmidt die Bühne auf den Aasee zu verlegen. Das erste „location theater münster“ war geboren. Zahlreiche Klassiker hat der Autor für diese Art Theater inzwischen bearbeitet. An seiner Seite Anke Winterhoff, seit 2012 Mitglied des F + G Leitungsteams. Sie durchstöberte zum Beispiel Originaltexte aus dem 18 Jahrhundert, nachdem Zeha Schröder beim Erarbeiten des Textes „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe etliche Widersprüche aufgefallen waren. Der authentische Seefahrer, dessen Schicksal die Zeitgenossen sehr bewegte, war ein schottischer Seefahrers namens Alexander Selkirk. Diese Quellen formte Schröder zu dem interesssanten Schauspiel „Der wahre Robinson“ um. Helge Salnikan setzte den Text eindrucksvoll in Szene. Wieder war der Aasee die Bühne. Eine Bretterplanke mitten auf dem Wasser, ein toter Baum, eine Seemannskiste und ein Seil reichten als Requisiten. Der Besucher erkannte, dass Defoe das Schicksal des Schotten phantasievoll ausgeschmückt und zu seinem Roman verarbeitet hatte. Ein Plagiat also aus dem 18. Jahrhundert. Die Zuschauer in Münster fuhren in gelben Tretbooten zur Bühne mitten im Wasser und erlebten eine unvergessliche Aufführung, so wie auch im Laufe der Jahre an vielen anderen interessanten Orten der Stadt: Zwinger, Promenade, Prozessionsweg, Blaues Haus und viele andere mehr. Das Theater „Freuynde und Gaestdte“ gehört fest zu Münster, wird geschätzt und geliebt. Die Folge ist leider: man bekommt nur sehr schwer Karten.

Die Schauspieler
Die Schauspieler haben keine langjährigen Verträge, wie es an traditionellen Theatern üblich ist. Diese freien Theaterschauspieler schließen terminierte Verträge, für eine Spielzeit zum Beispiel, mit den Theatern ab. Auf dem Foto oben sieht man Zeha Schröder, dritter von rechts, mit sechs Schauspielern, die sehr oft in Münsterspielen. Aber es kamen bisher auch sehr viele, durch Theater und Fernsehen bekannte Schauspieler nach Münster. So auch ChrisTine Urspruch, bekannt aus dem Münster-Tatort.

Die Existenz
Von Beginn an begleiteten die Stadtväter Münsters wohlwollend das neue Projekt. Die Einwohner waren, wie immer bei neuen Ideen, geteilter Meinung. Man hörte Sätze von: „Was für ein studentischer Blödsinn. Läuft sich schnell tot“ bis “Großartig. Wieder ein Stück entfernt vom Provinziellen“. Neben Idealismus und einer Portion Freude an verrückten Situationen der Schauspieler, muss natürlich die Finanzierung der Theatergruppe gesichert sein. Hilfreich ist das Engagement der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit. Ein zweites Standbein ist die Schaffung eines Spendenkontos für Freunde des Theaters. Gegen die Spende von wenigstens 50 € im Jahr erhält der Wohltäter nicht nur einen Spendenbeleg, sondern auch zwei Freikarten im Jahr. Diese Einrichtung hat in den elf Jahren ihres Bestehens inzwischen über 200 Unterstützer gefunden, die dem Theater jährlich rund 14.000 € bescheren. Der Betrag geht komplett in die Theaterarbeit ein. http://www.f-und-g.de/

Wie schön wäre es, wenn auch wir Seniorinnen und Senioren der Tibus Residenz eines Tages eine Aufführung erleben dürften. Es muß ja nicht unbedingt auf dem Aasee in Tretbooten sein.
Margit Schunck, Bewohnerin der Tibus Residenz

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