Von den Turmhähnen in Münster – Mehr als nur Zierde

Wenn man an einem sonnigen Tag durch Münster geht, sieht man die goldenen Hähne auf den Kirchtürmen glänzen; es ist ein schönes Bild.

Die Hähne sind Schmuck-Elemente, Wetterfahnen und christliches Zeichen zugleich, seit dem 18. Jahrhundert dienen sie auch als Blitzableiter.

Wetterfahne und Windrichtung

Damit eine Wetterfahne funktioniert, genauer gesagt ein Windrichtungsanzeiger, muss ihr Drehpunkt asymmetrisch unter der senkrecht stehenden „Fahne“ liegen, so dass zwei verschieden große Flächen dem Wind ausgesetzt sind. Die größere der beiden Flächen zeigt, wohin der Wind bläst, die kleinere (beim Hahn der Teil mit dem Schnabel) zeigt an, woher der Wind kommt.

Früher war eine Veränderung der Windrichtung oft der erste Hinweis auf eine bevorstehende Wetteränderung und damit eine nützliche Information. Deshalb standen häufig Wetterfahnen auf den Dächern wichtiger Gebäude. Sie wurden meistens wie ein Scherenschnitt aus einem flachen Stück Metall gefertigt und zeigten alle möglichen Formen wie Fahnen, Schiffe, Hähne oder Schwäne. Oft dienten sie zugleich als Hauszeichen, zeigten ein Wappen, ein Monogramm, eine Jahreszahl. Aber nicht überall war es erlaubt, sie anzubringen; in Frankreich und in Schweden zum Beispiel war das nur mit königlicher Genehmigung möglich. Einer Führung durch Haus Rüschhaus verdanke ich den Hinweis, dass auch der große münsterländische Barock-Baumeister Conrad Schlaun erhebliche juristische Schwierigkeiten hatte, bis er die Wetterfahne auf seinem neu erbauten Alterssitz anbringen lassen durfte.

Der Hahn war von jeher etwas Besonderes, denn er verkündet das Ende der Nacht und begrüßt das neue Licht. Bei den Römern war er deshalb dem Lichtgott geweiht und die Germanen kannten einen goldenen Hahn in ihrem Weltenbaum. Die römische Provinz Gallien war benannt nach Gallus, dem stolzen, wachsamen und kämpferischen Hahn, ein Bild, das wir bis heute mit Frankreich verbinden.

Geschichte des Turmhahns

Bereits 100 Jahre vor Christus stand in Athen auf dem „Turm der Winde“ die erste Windfahne. Etwa 9oo Jahre später stand der erste Kirchturmhahn auf San Faustino Maggiore in Brescia. Hier wurde im Jahre 820 ein bronzener Hahn auf den Turm gesetzt weil man einen Windrichtungs-Anzeiger brauchte. Seitdem stehen die Hähne auf den Spitzen unserer Kirchtürme und haben dort einen wichtigen Bezug zur christlichen Überlieferung. Sie erinnern an die Verleumdung Christi durch Petrus, so wie es im Matthäus-Evangelium berichtet wird, Kapitel 26. „Ehe der Hahn krähen wird, wirst Du mich dreimal verleugnen“. Jeder Kirchturmhahn erinnert an diesen Bericht, hält sozusagen dem Vorübergehenden eine stumme Predigt über die Schwachheit des Menschen und die Kraft der Vergebung. Nun verstehen wir, warum der Turmhahn sowohl auf katholischen als auch auf evangelischen Kirchen steht. Ein Beispiel in unserer nächsten Umgebung sind der St. Paulus-Dom und die evangelische Apostelkirche, beide haben Turmhähne.

Ein Turmhahn, der es sogar zu literarischen Ehren gebracht hat, stand im schwäbischen Dorf Cleversulzbach bei Heilbronn. Niemand wüsste heute noch vom Hahn und dem kleinen Ort, wenn der damalige Pfarrherr nicht der Dichter Eduard Mörike (1804-1871)gewesen wäre, der, ständig kränkelnd, schlechte Predigten und unsterbliche Verse schrieb. Cleversulzbach war Mörikes erste und einzige Pfarrstelle, in der er sich von 1834 bis 1843 versuchte. Dann verließ er den Kirchendienst „in gutem Einvernehmen mit dem Konsistorium“.

Während seiner Amtszeit musste in Cleversulzbach der Hahn vom Kirchturm abgenommen werden, ein Ereignis, das den Dichter sehr beschäftigte. In seiner Idylle „der alte Turmhahn“ lässt er den Hahn berichten, wie dieser nach 113 Jahren treuer Pflichterfüllung abgesetzt wird und als Höhe der Schmach beim Alteisen landet —- und wie gut es das Schicksal am Ende doch mit ihm gemeint hat.

Gedicht von Mörike

Hören Sie, wie Mörike in einfacher Sprache, mit Witz und Liebe auch zu den kleinen Dingen, ein ganzes Turmhahnleben schildert:

„ Zu Cleversulzbach im Unterland einhundertdreizehn Jahr ich stand
auf dem Kirchenturm ein guter Hahn als ein Zierrat und Wetterfahn. ……
So ward ich schwarz fuer Alter ganz und weg ist aller Glitz und Glanz.
Da haben sie mich denn zuletzt veracht´t und schmählich abgesetzt.
Meinthalb! So ist der Welt ihr Lauf, jetzt tun sie einen andern `nauf.
Ade, o Tal, du Berg und Tal!
Rebhügel, Wälder allzumal
Herzlieber Turm und Kirchendach, Kirchhof und Steglein übern Bach
Ihr Stoerch und Schwalben, grobe Spatzen, Euch soll ich nimmer hören schwatzen
Aus ist´s was mich gefreut so lang, Geläut und Orgel, Sang und Klang.
Jetzt tät man mich mit altem Eisen dem Meister Hufschmied überweisen.“

Diesem hier sehr gekürzten Ausschnitt aus dem Anfangsteil folgt der Bericht über sein neues, so ganz anderes Leben. Sein Pfarrherr erlöst ihn vom Alteisen und gibt ihm einen neuen Platz in seiner Studierstube oben auf dem alten Kachelofen. Begeistert stellt der Hahn fest, was das für ein „anmutsvoller Ruhesitz“ ist. Er genießt das warme Refugium, und während draußen der eisige Wind bläst fragt er sich, ob „es in Dorf und Stadt ein alter Kirchhahn besser hat“.
Vielleicht sehen Sie bei Ihrem nächsten Weg durch die Stadt die Turmhähne mit neuen Augen an, denn, wie es im vorangegangenen Heft der Rundschau zu lesen ist: „Man sieht nur, was man kennt“.

Autor: Dr. Ursula Feldmann

P.S.: Wenn Sie Freude an der Idylle haben, so können Sie im Buchhandel das ganze Gedicht als Liebhaber-Ausgabe finden. Es ist in einem gut zu lesenden großen Druck gesetzt und wurde vom Graphiker Thomas Nägele treffend illustriert. (Betulius-Verlag Stuttgart, 1999 , 11,95€

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