Weihnachten ist das ganze Jahr

„Heilig Abend ist für mich das Unwort des Jahres“, erklärt die Pflegedienstleiterin der Tibus Residenz, Ute Warschun, zum Einstieg in das Gespräch. Durch diese ehrlichen Worte hat sie den Weg für einen offenen und konstruktiven Dialog geebnet. Einen Dialog mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bischöflichen Generalvikariats von der Hauptabteilung Seelsorge. Sie kamen im Rahmen ihrer Adventsfeier zu uns in die Residenz und suchten den Austausch. Über den Stellenwert von Weihnachten in einer Senioreneinrichtung wollten sie etwas erfahren. Neben Ute Warschun waren von der Residenz noch dabei: Dr. Anne Schütte, Beauftragte für Palliative Care und Ulrike Wünnemann, zuständig für kulturelle Veranstaltungen und Feierlichkeiten im Haus.

Heilig Abend hat so eine Sonderstellung
„Da will keiner arbeiten. Alle sind weicher und sentimentaler gestimmt.  Auch bei jungen Leuten nimmt der Stellenwert hier wieder zu. Das Thema Familie steht sowieso wieder weit oben!“, führt Ute Warschun aus.  „Da die jungen Leute heute nicht mehr so belastbar sind wie früher, bin ich gefordert, mit diesem Thema sehr sensibel umzugehen. Uns hier in der Tibus Residenz ist es wichtig, dass bei aller Berücksichtigung individueller Wünsche die entsprechende Sozialkompetenz bei den Mitarbeitern vorhanden ist.

 Passt die Haltung, die der Mitarbeiter gegenüber alten Menschen hat?
Ist er teamfähig? Welches ethische Verständnis hat er? Darauf wird, nach Meinung von Ute Warschun, bereits in der Ausbildung viel zu wenig geachtet.  In der Altenpflege werden bedauerlicherweise zu viele Leute ausgebildet, die dafür wenig geeignet sind. Die Gesellschaft unterschätzt komplett die Kompetenzen, die man für diesen Beruf mitbringen muss.“

Welche Kompetenzen sind in der Arbeit mit alten Menschen gefordert?
Ute Warschun: „Es sind die der Verantwortung und die der Fürsorge. Weiterhin sind es Kommunikationskompetenzen, Einfühlungsvermögen, Respekt, Achtung und Würde vor den alten Menschen.  Entweder habe ich diese Haltung in mir – oder nicht. Und wenn, dann an allen Tagen im Jahr. So gesehen ist Weihnachten für mich das ganze Jahr.“

Kontinuierliche Auseinandersetzung der Mitarbeiter wird gefordert und gefördert
Anne Schütte ergänzt: „Deshalb fördern wir hier in der Residenz  bei den Mitarbeitern diese kontinuierliche, persönliche Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen. Es geht immer wieder auch um die Bewusstmachung, dass der Bewohner vorgibt  – und wir ihn begleiten.  Gewalt fängt ja bereits da an, wo wir für die Bewohner wissen, was für sie angeblich das Beste ist. Hält zum Beispiel ein Bewohner  bewusst Schmerzen aus und verändert sich dadurch, dann muss der Mitarbeiter das zulassen. Wenn er dabei an seine Grenzen kommt, dann ist das nicht schlimm. Aber er muss es kommunizieren. Das ist seine Verantwortung.  Genau das Erkennen der eigenen Grenzen ist gelebte Fachlichkeit. Die ständige Selbstreflektion und der regelmäßige Austausch untereinander, das fördern und fordern wir. Das ist anstrengend und deshalb bieten wir u.a. auch fachübergreifende interne Weiterbildungen an.“

Es ist die Frage des „WIE“
„Bei uns werden Bewohner nicht“ fertig gemacht“, bei uns geben die Bewohner vor, was sie wünschen und benötigen. Und wir begleiten sie dabei. Natürlich gibt es auch bei uns zeitliche Vorgaben. Die lassen wir aber nicht als Totschlagargument für alles gelten. Es sind doch die kurzen Begegnungen über den Tag verteilt, die entscheiden. Wie bekomme ich zum Beispiel das Essen hingestellt? Also ganz klar die Frage des „Wie“! Das gilt es zu leben. Und das versuchen wir jeden Tag – immer. Man kann in einer Minute viel kaputt machen, man kann in einer Minute aber auch viel Gutes tun“, bringt es Ute Warschun auf den Punkt.

Zurück zu Weihnachten: Wie erleben die Bewohner diese Zeit?
„Weihnachten hat einen großen Stellenwert bei den Bewohnern im Haus. Die Auseinandersetzung mit dem Übergeordneten, mit dem großen Ganzen, die Sehnsucht nach einer tiefen Verbundenheit, die ist allerdings eher spirituell. Das heißt ein wenig weg von der jeweiligen Religion. Hier im Haus sind wir offen für die individuellen Wege des Einzelnen nach einem tieferen Sinn zu streben“, erklärt Anne Schütte. Und Ulrike Wünnemann fügt hinzu: „ Heilig Abend feiern wir gemeinsam einen ökumenischen Gottesdienst. Und abends gibt es ein feierliches Essen mit kulturellem Rahmenprogramm. Wobei hierbei das Familiäre im Vordergrund steht, die erlebte Gemeinsamkeit. Dafür sind die Bewohner – gerade an Heilig Abend – besonders dankbar. Ich habe viele Jahre mit meinen kleinen Kindern das Programm an diesem Abend gestaltet. Die Kinder sind jetzt groß, aber die Erinnerungen an ihre „Auftritte“ leben bei Vielen weiter.“

Wie erlebt die Kirche Weihnachten?
„Es gibt einen riesen Anspruch, wie toll der Gottesdienst gerade zu Weihnachten sein soll. Inzwischen haben wir eine andere Haltung zu den „Weihnachtschristen“ – wie wir sie nennen- gewonnen. Nämlich die, dass wir sagen: Schön, dass die Kirche zu Weihnachten so eine Bedeutung hat“, erläutert uns eine Teilnehmerin des Bistums. Mit einer gemeinsam besprochenen Fürbitte über das Wirken des Guten Geistes für den anschließenden Gottesdienst am Nachmittag gingen wir auseinander.

Es war ein erfüllter Austausch für alle Beteiligten. Meinen Kolleginnen und mir ist einmal mehr bewusst geworden, was uns als Residenz auszeichnet. Und das zu erspüren war schön – so kurz vor Weihnachten. Auch, wenn Weihnachten das ganze Jahr ist.
Ulrike Wünnemann

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