Gedächtnistraining für Senioren – Teil 36: Der Begriff “Person”

Lieber Senior, liebe Seniorin,

den Schirm legen wir jetzt mal in die Ecke, setzen uns gemütlich hin und denken ein wenig über den Begriff „Person“ nach.

Was ist eine Person?

Jede Person ist einmalig, ein Individuum, mit Eigenschaften und Merkmalen, die es in der Kombination auf der Welt nicht noch einmal geben kann. „Person“ ist mehr als „Mensch“, denn Mensch ist eher das Biologisch-Kreatürliche.

Der Person wird eine Freiheit im Entscheiden und Handeln zugeschrieben. Dadurch entsteht auch eine Verantwortlichkeit. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass auch jener Mensch eine Person ist und damit eine einzigartige Würde in sich trägt, der z.B. im Koma liegt oder von Geburt an unter Behinderung leidet. Dessen Verantwortlichkeit und Entscheidungs-freiheit muss von nahestehenden Personen übernommen werden.

Die Freiheit des Entscheidens – darauf kommt es mir an. In jedem Alter. Also auch im Alter.

Freiheit des Entscheidens

Es gibt einen wunderbaren Text von Teresa von Avila. Vielleicht kennen Sie die Frau, vielleicht kennen Sie den Text. Er betrifft uns alle, heißt er doch „Gebet eines älter werdenden Menschen“. Was ist ein älter werdender Mensch? Entscheiden Sie das bitte selbst – ich finde, es fängt schon ganz schön früh an!

Auf den Bildern oben und unten sehen Sie jeweils einen eindeutig älter werdenden Menschen. Oben eine Frau, die Musik macht für sich und andere. Sie hat sich dafür entschieden, trägt die Verantwortung für sich und ihre Umgebung. Sie ist in dem Moment eine Person des öffentlichen Lebens, muss Kritik oder Lob einstecken, muss sich eventuell auslachen, anfeinden lassen. Sie macht es trotzdem, spielt ihre Musik, ist frei in ihrer Entscheidung. Eine starke Person mit Persönlichkeit.

Unten eine andere Frau, lässig zwischen Blumen ihre Pause genießend, lesend. Sie setzt sich ebenfalls der Kritik aus : „Hast du nichts anderes zu tun?“, genießt ihre Freiheit das zu machen, was sie gerade möchte. Sie schadet ja auch niemandem damit. Stark.

Ebenso stark und noch konsequenter war wohl Teresa von Avila.

Wer nun war Teresa von Avila?

Eine in Avila, Spanien, vor 500 Jahren geborene Frau, die man als Mystikerin bezeichnet. Krankheiten prägen ihr Leben. Durch Visionen vertieft sich ihre Beziehung zu Gott/Jesus, sie reformiert den Karmeliter-Orden gegen große Widerstände und gründet zahlreiche eigene Klöster.

Was hat sie uns zu sagen?

Ihre Regeln waren so ganz anders als der „Mainstream“ ihrer Zeit: geschwisterliche Lebensführung, Freiwerden vom Ich, intensive Freundschaft mit Gott, Demut.

Sie lehnt Strafen und schwere Bußgänge sowie extremes Fasten ab und propagiert stattdessen die Sanftheit und die Erfahrung der Liebe Gottes.

Und: Sie beobachtet den Menschen – wohl auch sich selbst – sehr genau!

Dabei kam folgendes „Gebet des älter werdenden Menschen“ heraus, in dem sie „das Freiwerden vom Ich“ propagiert und sich mit Gottes Hilfe Entscheidungen für oder gegen gewisse Angewohnheiten erhofft.

 

Teresa von Avila, 1515 bis 1582

 

1.Oh Herr,

bewahre mich vor der Einbildung,

bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema

etwas sagen zu müssen.

2.Erlöse mich von der großen Leidenschaft,

die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

3.Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),

hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

4.Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten

und verleihe mir Schwingen,

zur Pointe zu gelangen.

5.Lehre mich schweigen über meine Krankheiten

und Beschwerden. Sie nehmen zu

und die Lust, sie zu beschreiben,

wächst Jahr für Jahr.

6.Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,

mir die Krankheitsschilderungen anderer

mit Freude anzuhören, aber lehre mich,

sie geduldig zu ertragen.

7.Lehre mich die wunderbare Weisheit,

dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

8.Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete

Talente zu entdecken und verleihe mir, oh Herr,

die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

 

So, jetzt haben Sie sicher gelächelt! Vielleicht auch genickt. Haben Sie die Freiheit zum Entscheiden entdeckt? Auf jeden Fall haben Sie, wenn Sie sich bis hierher durchgearbeitet haben, schon ganz

viel Gehirnarbeit geleistet:

  1. ein wenig über den Menschen philosophiert (Konzentrieren)
  2. sich in die Frau mit dem Schifferklavier hineinversetzt (Visualisieren)
  3. Teresa von Avila als Person, deren Namenstag der 15. Oktober ist, kennengelernt oder ihre Lebensdaten vertieft (Wissen erwerben, vertiefen)
  4. 500 Jahre alte Lebens-Weisheiten überdacht, gewogen und (wahrscheinlich) für wahr gehalten (Urteile fällen)
  5. sich Situationen vorgestellt, in denen Sie den Geschehnissen aus dem Gebet der Teresa begegnet sind (Assoziationen bilden)
  6. Unbewusst festgestellt, dass die Menschen vor 500 Jahren nicht grundlegend anders waren als wir heute (Vergleichen)
  7. vielleicht auch das Gelesene ein ganz klein wenig auf sich selbst bezogen (Erkenntnisse gewinnen, Entscheidungen treffen)

 

Denken Sie zum Schluss noch einmal tiefer nach: Welche der 8 Strophen ist für Sie die wichtigste? Welche kommt danach? Finden Sie Ihre ganz persönliche Rangordnung.

 

Eine gute Zeit für Sie, Corinna Reinke

1 Kommentar zu “Gedächtnistraining für Senioren – Teil 36: Der Begriff “Person”

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