Wie man zum Archäologen des eigenen Lebens wird

Jürgen Wiebicke, der bekannte Philosoph, Autor und Radiomoderator war zu Gast bei uns in der Residenz. Er hat sein neues Buch „Sieben Heringe“ vorgestellt.

Schon im Vorfeld freute sich eine Besucherin: “Heute wird es sehr persönlich. Ich bin schon ganz gespannt.“ Gespannt war nicht nur diese Dame, sondern auch die über hundert Interessenten im wohl temperierten Veranstaltungssaal der Residenz. Sie alle sind – trotz sommerlichem Sonnenschein – gekommen, um Jürgen Wiebicke „hautnah“ zu erleben.

Und „hautnah“ zeigte sich Wiebicke dem Publikum in ganz beeindruckender Weise. Nicht von ungefähr hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Wiebicke beschreibt sehr feinsinnig die Momente, die er mit seiner Mutter im Angesicht ihres Todes hat erleben dürfen. Er schildert seinen neuen, veränderten Blick auf diese so besondere Situation und erklärt seinen Blickwechsel so: „Die letzten Wochen im Leben eines Menschen, der Sterbeprozess, kann auch etwas „Helles“ sein. Es lohnt sich, sich mit dem angeblich Schweren bewusst auseinanderzusetzen. Da passiert etwas ganz Wesentliches. Von dem existentiell Schweren profitieren wir letztendlich hinterher am meisten.“

Je älter und reifer und vertrauter ich in der Selbstbeobachtung werde, desto mehr gewinnt an Bedeutung, was meine Eltern mir mitgegeben haben. Desto mehr erkenne ich, welch imminente Rolle die eigenen Eltern für die Biografie spielen. Ich nenne es die Archäologie des eigenen Lebens.“

Und dann fingen meine Eltern an zu sprechen
„Wiebicke berichtet, wie dankbar er ist, diesen intensiven Prozess mit seiner Mutter – aber auch einige Jahre zuvor schon mit seinem Vater – erlebt haben zu können. Beide haben, als sich ihr Lebensende abzeichnete, ihr jahrzehntelanges Schweigen gebrochen. „In meiner Generation, ich bin Jahrgang 1962 und somit Kind der Nachkriegsgeneration, war das Schweigen häufiger, als das „drüber“ Sprechen. Was wissen wir wirklich über das Leben unserer Eltern? Der Eltern, die Krieg und Nationalsozialismus miterlebt haben. Wann ist der richtige Zeitpunkt, sie zu fragen und so zum Archäologen des eigenen Lebens zu werden? Das „drüber“ Sprechen bringt Bewegung, lässt Generationen gegenseitig verstehen. In einem offenen Austausch steckt eine immense Kraft, eine große Erleichterung. Durch Aussprechen verändern wir unsere eigene Wirklichkeit.“

Wiebicke erzählt uns, wie bewegt er war, als seine Eltern endlich anfinden über ihre Vergangenheit zu sprechen. „Sie wollten ihr Leben Revue passieren lassen und ihre Erlebnisse nicht mehr für sich behalten. Sie taten es schließlich mit einer radikalen Offenheit. Indem sie beim Erzählen keine Rücksicht mehr nahmen, was andere darüber denken könnten. Hier ging es nicht um Episoden, die wieder und wieder erzählt wurden. Hier ging es darum, das zu sagen, was einen persönlich in der Tiefe bewegte. Die große Frage meines Vaters, die er jahrzehntelang mit sich herumtrug, zum Beispiel war: „Habe ich eigentlich einen Menschen getötet oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich glaub schon. Es gab da so einen Moment.“

Hier scheint das Schweigen zunächst einmal plausibel. Scheint einfacher. Doch das, was man erlebt hat und später „beschweigt“, so formuliert es Wiebicke, das bleibt im Körper. Es verschwindet nicht durch das Schweigen. Im Gegenteil, selbst am Lebensende ist es noch ganz präsent. „Wir haben uns für ein Stück Brot fast totgeschlagen“, gestand mein Vater. Das auszusprechen erfordert Mut. Und Erstaunen über eine Seite an sich selbst, die man nicht sehen will. Dieses hat mein Vater vorher nie erzählt. Die Geschichten, die sonst erzählt wurden, waren andere. Diese Gespräche mit meinen Eltern hüte ich wie einen großen Schatz. Leider habe ich die Erinnerungen meines Vaters damals nicht aufgeschrieben. Bei meiner Mutter dagegen habe ich es in meinem aktuellen Buch getan.“

Die Wochen des Hörens
„Meine Mutter war an ihrem Lebensende sehr krank, aber fröhlich bis zu ihrem letzten Tag. Nur die Art und Weise, wie sie erzählte, die hat sich geändert. Sie sprach in einem anderen Ton. Und auch sie wurde radikal. Sie offenbarte Dinge – genau wie mein Vater das getan hat – über die sie vorher nie gesprochen hat. Erzählte, was in ihrem Leben wichtig war. Zeigte sich verletzlich und gewann an Wärme. Folgendermaßen berichtete sie über ihre Traumata im Arbeitslager: „Ich bin von einer Aufregung in die nächste geraten. Diese Bilder bin ich nie losgeworden. Für solche Erfahrungen habe ich keine passende Sprache gefunden.“ Das zeigt, warum das „drüber“ Sprechen so schwer geworden war. Und es schafft Verständnis dafür. Verständnis statt Verurteilung.

„In den Gesprächen mit meiner Mutter war ein Gefühl von so großer Intensität. Da war pure Gegenwart. So, als wenn die Zeit sich auflöst und alles nur noch Gegenwart ist,“ sagt Wiebicke. Und er führt weiter fort: „Indem wir unser Leben in der Tiefe Revue passieren lassen, indem wir erzählen und nicht schweigen, sagen wir Ja zu dem gelebten Leben. Ja zu unserem Leben. Ja, so ist es gewesen. Ja, so habe ich es erlebt. Ja, das ist ein Teil meiner Persönlichkeit.“

Das Schweigen, das Wiebicke so viele Jahre miterlebte, kennen Viele. „Es wird nicht genug gesprochen.“ Und genau das will er ändern. „Sprechen statt Schweigen! Machen wir uns bewusst, dass die Chancen dafür, in jedem Moment bestehen. Es gilt, sie zu nutzen.“
Ulrike Wünnemann

 

Ab Oktober bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, in unserer 14-tägig stattfindenden Biografie-Schreibwerkstatt persönliche Erinnerungen zu reflektieren und in kurzen biografischen Texten zu bewahren. Auch Gäste von außerhalb sind herzlich zu einer Schnupperstunde (Kosten: 10,-€) eingeladen. 

Termin: Mittwoch, 16. Oktober 2022 um 10:30 Uhr, im Clubraum der Residenz
Anmeldung unter Telefon: 0251/48350

 

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