Vom Moin zum Servus!

Radwandern ist populär. Annähernd fünf Millionen Deutsche treten jedes Jahr in Ihrem Urlaub begeistert in die Pedale. Eine davon war ich.

Junge Menschen fahren mit dem Rad durch die Welt; diese Herausforderung traute ich mir nicht zu. Aber einmal durch Deutschland fahren, das konnte ich mir vorstellen. Und so habe ich mir diese Tour zum Einstieg in meinen Ruhestand geschenkt!

Gefunden habe ich eine Route von Flensburg nach Füssen, die ein Übermaß an landschaftlicher Vielfalt, kultureller Erlebniswert und sportlicher Herausforderung versprach. Am Laptop, auf dem Sofa sitzend, habe ich diese „5-F-Tour“ mit Freu(n)den geplant. Ich habe sie so genannt, weil ich von Füssen nach Flensburg an Flüssen mit Freiheit und Freu(n)den gefahren bin. Von Nord nach Süd wollte ich fahren, denn der Wind kommt selten aus dem Süden. Und ich wollte in das wunderschöne Alpenpanorama hineinfahren.

Am 26. April 2022, meinen 63. Geburtstag, trat ich in Flensburg in die Pedale
Die Sonne immer im Blick, durchradelte ich die aufblühende farbenfrohe Natur. Morgens gaben mir die zwitschernden Vögel ein fröhliches Konzert. Von Flensburg bis Hamburg bin ich auf dem Ochsenweg gefahren. Manchmal kam ich mir selbst wie einer vor, denn entweder war kein Hinweisschild da oder sie waren verdreht. Zum Glück waren immer wieder nette Menschen zur Stelle, um mir den Weg zu zeigen.  In Rendsburg schwebte ich über den Nord-Ostsee-Kanal und in Wedel hat mich die Elbfähre ins Alte Land gebracht. Farbenfroh blühende Obstbäume säumten meinen Weg. In Bremen streichelte ich die Fesseln des Esels. Ob die Bremer Stadtmusikanten an der Weser entlang reisten ist unbekannt. Mir jedoch sind nun besondere Kleinode mit bunten Ziegeln, windschiefen Fachwerkbauten und Gutshöfe aus der Weserrenaissance bekannt. Goldgelbe, duftende Rapsfelder, soweit das Auge reicht, säumten meinen Weg entlang an der Weser.

Meine Sitzbeinhöcker sagten mir nach sieben Tagen, ich solle ruhen
Also bin ich in Bücken – dort wo in einer Kirche der Teufel unter der Kanzel steht – einen Tag nur gelaufen. Dafür war mir mein Körper sehr dankbar. Mit dem Zug holte ich meinen geplanten Streckenverlauf wieder ein. Die nächste Station war Hameln. Dort gibt es vergoldete Ratten und eine historische Altstadt. Entlang der Weser schlängelte ich mich durch die Hügel und traf auf die Stadt, in der Münchhausen seine Lügengeschichten erzählt hat. Die Weserseiten wechselte ich immer mal wieder mit einer kleinen Fähre. An Hann Münden, wo aus „dem Kuss“ der Werra und Fulda die Weser entsteht, konnte ich mich gar nicht satt sehen. Es hat eine historische Altstadt mit 700 Fachwerkhäusern. Alexander von Humboldt sprach über Hann Münden als „eine der sieben schönsten Städte der Welt”.

Nun wurde die Werra mein Wegbegleiter zwischen Thüringen und Hessen. Auf einmal war ich im Land der weißen Berge (Abfallhalden des Kalibergbaues), die im Sonnenschein wie Diamanten funkelten. Dann stand ich mit meiner Karte und dem Navi ratlos in Merkers. Zum Glück nahte Rettung: der ortskundige Bernhard kam auf seinem Rad daher gefahren. Bad Salzungen war auch sein Ziel und so radelten wir gemeinsam dorthin. Ganz nah an der Werra gelegen, erreichte ich Meiningen, eine Stadt, die viele Blickfänge bereithielt – sogar mit Staatstheater und einem Englischen Garten.

Schon war ich in Bayern, meinem achten Bundesland auf dieser Tour, und am Main, einem weiteren Fluss, gelandet. Bei Schweinfurt und Ochsenfurt war der Main früher nicht so tief, deshalb wurden dort die Tiere durchgetrieben. Der Südwind im Maintal ließ mich hier länger verweilen. Weinberge mit den aufblühenden kurzen Reben und anheimelnde kleine Weinort säumten meinen Weg.

Die Romantische Straße – der letzte Abschnitt meiner Reise
Ich fuhr den ausgezeichneten Radweg, beginnend an der Tauber mit den Touristenmagneten Rothenburg ob der Tauber (ob bedeutet Rad schieben) und Dinkelsbühl. Die Schönheiten des Mittelalters sind hier erhalten geblieben und ich habe sie sehr genossen. Viele prachtvolle Türme konnte ich durchfahren. Mit Augsburg gelangte ich in meine zweite Großstadt auf dieser Reise. Hier war ich mit all den Straßenbahnen, Autos, Ampeln und dem Suchen nach der Jugendherberge. schon fast überfordert. In Augsburg war sehr viel los, da das Sozialprojekt „Fuggerei“ seinen 500. Geburtstag feierte.

Auf der Zielgeraden war der Lech und seine Staustufen an meiner Seite. Hier war es wieder sehr ursprünglich, es gab viele Wiesen, die mit kleinen Traktoren gemäht wurden. Die Orte hatten jetzt den Zusatz „Markt“. Die Höhe der Hügel nahm zu und als ich eine Anhöhe in Pfaffenwinkel hochgestrampelt war, konnte ich endlich auf das Alpenpanorama blicken. Gigantisch! Bei der Weiterfahrt konnte ich mich nicht satt sehen an diesem Naturschauspiel. Ich durfte es die nächsten fünf Tage genießen. Bei einer Steigung von 20 Prozent und einem Pulsschlag von über 135 blieb mir nichts anderes übrig, als mein Rad den Berg hochzuschieben. Der hohe Pulsschlag blieb allerdings ebenso auch bei der Runterfahrt; denn da hatte ich eine Geschwindigkeit von 35 km/h.  Gesund und munter, fuhr ich am 19. Mai 2022 mit Blick auf Schloss Neuschwanstein – und nicht ohne Stolz – ganz nach Plan in 24 Tagen Sonnenschein und 1.355 geradelten Kilometern in Füssen ein.

Die Menschen waren oft erstaunt, eine Frau alleine unterwegs mit Rad ohne Motor zu sehen. Sie zollten mir Respekt. Ich kam unterwegs oft mit anderen Radfahrern ins Gespräch. Und da ich viel in Jugendherbergen und kleinen Pensionen übernachtet habe, kam ich als Alleinreisende auch bei den Mahlzeiten mit den Inhabern und Gästen ins Gespräch. Viel hörte ich über die Sorgen und Nöte in der Gastronomie. In einem bayrischen Biergarten bin ich spontan als Bedienung eingesprungen. Der Wirt wollte mich gleich dabehalten.

Viele der Begegnungen haben mir Gedankenanstöße gegeben und mich bereichert. Ich fühlte mich nicht alleine, sondern ganz mit mir im Einklang.

Dankbar, dass ich mir meinen Wunsch erfüllen konnte, habe ich auf meiner Tour für den Verein „Herzenswünsche e.V.“ Geld gesammelt. Für mich habe ich 100 Euro als maximale Tagesausgaben eingeplant. Alles was ich davon nicht ausgeben habe, habe ich gespendet und so konnte ich „Herzenswünsche“ genau 1.070,27 € überweisen.

Alle guten Mächte waren auf meiner Seite. Ein Füllhorn an Erinnerungen ist mir geblieben. Das ist mein schönstes Geschenk. Nun liege ich wieder Zuhause auf meinem Kopfkissen. Das hat mir echt gefehlt.
Ulrike Kettrup

 

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